Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Datum: Donnerstag, 18.05.2023
11:00 - 12:45Registrierung
12:45 - 13:30Begrüßung
13:30 - 14:45Keynote 1
14:45 - 15:15Kaffepause
15:15 - 16:45AK01: Stell dir vor du bewegst dich! Vorstellungsfähigkeit und Lernen durch Vorstellung.
Chair der Sitzung: Cornelia Frank, Universität Osnabrück
Chair der Sitzung: Stephan Frederic Dahm, Universität Innsbruck
 

Stell dir vor du bewegst dich! Vorstellungsfähigkeit und Lernen durch Vorstellung.

Chair(s): Cornelia Frank (Universität Osnabrück), Stephan Frederic Dahm (Universität Innsbruck, Österreich)

Mentalem Training kommt beim motorischen Lernen eine hohe Bedeutung zu. Das Sich-Vorstellen einer Bewegung trägt nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen zum Lernen bei. Während die Wirksamkeit durch Meta-Analysen belegt ist, wird die Vorstellungsfähigkeit bei Kindern noch debattiert. Zudem sind Lernmechanismen durch Vorstellung noch nicht vollständig geklärt. Ziel des Arbeitskreises ist es daher, unterschiedliche Perspektiven auf Vorstellungsfähigkeit und Lernen durch Vorstellung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen vor dem Hintergrund kognitiver und motorischer Entwicklungsaspekte zu diskutieren. So gibt der Arbeitskreis Einblicke in aktuelle Arbeiten zur Vorstellungsfähigkeit und zum Lernen durch Vorstellung, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Im ersten Beitrag wird ein Vorschlag zur Testanpassung im Rahmen der Messung der Bewegungsvorstellungsfähigkeit bei jungen Erwachsenen präsentiert. Der zweite Beitrag thematisiert den Einfluss von Gehstützen auf die Bewegungsvorstellungsdauern bei Kindern und Jugendlichen. Der dritte Beitrag beleuchtet Lernen durch Vorstellung bei Kindern anhand einer Felduntersuchung zu Analogie-basiertem Vorstellungstraining. Eine Laboruntersuchung zum Quiet Eye beleuchtet den Einfluss eines dem praktischen Üben vorgeschalteten Vorstellungstrainings auf das Blickverhalten und die motorische Leistung. Der fünfte Beitrag nimmt Transfereffekte beim Sequenzlernen in den Blick nachdem Vorstellungstrainings mit visuellem oder kinästhetischem Fokus durchgeführt wurden. Die Beiträge werden anschließend vor dem Hintergrund von Entwicklungs- und Lerntheorien sowie aktueller Erklärungsansätze zum Lernen durch Vorstellung diskutiert.

 

Beiträge des Arbeitskreises

 

Anpassung des Tests zur Kontrollierbarkeit der Bewegungsvorstellungsfähigkeit für junge Erwachsene?

Björn Wieland, Katharina Völcker, Karen Zentgraf
Goethe Universität Frankfurt

Testverfahren bieten neben subjektiven Fragebögen eine vielversprechende Methode zur Untersuchung der Imaginationsfähigkeit. Der Test zur Kontrollierbarkeit der Bewegungsvorstellungsfähigkeit bietet einen solchen Ansatz (TKBV; Schott, 2013). Stellt der Test bei älteren Erwachsenen oder Kindern ein geeignetes Hilfsmittel dar (Schott et al., 2021), so zeigt sich bei jüngeren Erwachsenen und vor allem Athleten eine mangelnde Differenzierungsmöglichkeit der Imaginationsfähigkeit (Madan & Singhal, 2014, TAMI; Wieland et al., 2022, TKBV). Die Testinstruktion des TKBV gibt vor, die vorgestellte Körperhaltung final in möglichst kurzer Zeit aktiv einzunehmen. Dabei wird zur Auswertung des Tests lediglich die Anzahl an korrekt eigenommenen Körperhaltungen als Score aufsummiert. Die zusätzliche Einbeziehung der Antwortzeit bis zur finalen Position in die Berechnung des Fähigkeitsmaßes könnte wie bei anderen kognitionspsychologischen Parametern eine geeignete Möglichkeit zur Anpassung des Testes für junge gesunde Erwachsene zur weiteren Differenzierung darstellen. Daher wurde mit 67 Sportstudierenden (24,7 ± 3,3 Jahre, 36 weiblich) der TKBV (freie Wiedergabe) durchgeführt und sowohl die Anzahl korrekter Antworten als auch die Antwortzeiten der zehn Items erhoben. Anhand dieser Daten wurde der inverse efficency score (IES; Antwortzeit/(1–Anzahl Fehler), der rate-correct score (RCS; Anzahl korrekter Antworten/Gesamtantwortzeit) sowie der linear speed-accuracy score (LISAS; Antwortzeit pro Item + Standardabweichung Gesamtantwortzeit / Standardabweichung Anzahl an Fehler * Anzahl Fehler pro Item) gebildet. Die Studierenden nahmen im Mittel 44,3 (± 3,4) korrekte Körperhaltungen (von maximal 50) in aufsummiert 32,6 (± 13,5) Sekunden ein. Die berechneten Indexwerte betrugen 3,3 (± 1,9) für den IES, 1,6 (± 0,5) für den RCS sowie 4,2 (± 2,5) für den LISAS. Bei der Anzahl an korrekten Antworten konnte eine rechtsverschobene Verteilung mit einer Range von 36 bis 50 Punkten und einer im Vergleich zum Mittelwert geringen Standardabweichung (± 3,4) beobachtet werden. Die Werte des RCS reichen von 0,45 bis 2,91 mit einer Standardabweichung von ± 0,55. Beim RCS zeigte sich eine Normalverteilung der Daten, welche sowohl bei der Anzahl an korrekten Antworten als auch beim IES und LISAS nicht vorhanden war. Bei jungen Erwachsenen mit sportlichem Hintergrund zeigt sich somit ein Deckeneffekt bei der Anzahl an korrekten Antworten, welche durch die Einbeziehung der Antwortzeit in die Berechnung eines Imaginationsscores reduziert werden kann. Die Berechnung des RCS scheint sich für die Verwendung bei jungen Erwachsenen zu eignen.

 

Einfluss von Gehstützen auf die mentale Chronometrie beim Gehen – Eine Pilotstudie bei Kindern und jungen Erwachsenen

Nadja Schott, Anna Köder, Sarah Menges, Jule Schwarz
Universität Stuttgart

Einleitung. Hilfsmittel wie Gehhilfen und Gehstützen werden Patienten häufig während der Physiotherapie zur Verfügung gestellt, um die Fortbewegung zu erleichtern. Die Nutzung von Gehhilfen und Gehstützen können jedoch zu erheblichen strukturellen und funktionellen Veränderungen im sensomotorischen System führen, die die Bewegungsvorstellungsfähigkeit (Motor Imagery, MI) des koordinierten Gehens beeinflussen können. So haben Studien bei Patienten mit orthopädischen Problemen gezeigt, dass ein enger Zusammenhang zwischen motorischer Leistung und Bewegungsvorstellungsfähigkeit besteht (Korbus & Schott, 2022; Sacheli et al., 2018). In dieser Pilotstudie untersuchten wir die Auswirkungen von Gehstützen auf die zeitlichen Merkmale von MI (mentale Chronometrie, MC) bei Kindern und jungen Erwachsenen. Methode. Die Gehdauer von 25 Kindern (mittleres Alter=10.4 Jahre, SD=0.5, 14 Mädchen) und 25 jungen Erwachsenen (mittleres Alter=21.2 Jahre, SD=0.5, 12 Frauen) wurde in 12 Bedingungen aufgezeichnet: tatsächliches Gehen und imaginiertes Gehen mit und ohne Gehstützen über Entfernungen von 5 m, 10 m und 15 m. Der konstante Fehler (CE) wurde darüber hinaus wie folgt berechnet: ((tatsächliche Gehzeit – imaginierte Gehzeit)/ ((tatsächliche Gehzeit + imaginierte Gehzeit))/2)*100. Ergebnisse. Eine ANOVA mit den Messwiederholungsfaktoren Strecke (5m, 10m, 15m), Gehstütze (mit, ohne) und Gehzeit (tatsächliche, vorgestellte) zeigte eine signifikante Interaktion Strecke x Gehstütze x Gehzeit x Altersgruppe, F(2, 92) = 5.20, p = .007, eta2p = .102. Junge Erwachsene zeigten zwar einen Anstieg in den Gehzeiten in Abhängigkeit von der Streckenlänge und der Nutzung der Gehstütze, allerdings nur geringfügige Unterschiede in den tatsächlichen und imaginierten Vorstellungszeiten. Im Unterschied dazu verkürzten die Kinder ihre Vorstellungszeiten in der Bedingung mit Gehstützen. Darüber hinaus verfehlte eine ANOVA für den CE knapp die Signifikanz für die Interaktion Stecke x Gehstütze x Altersgruppe, F(2, 96) = 2.45, p = .091, eta2p = .049, wobei Kinder sich nicht signifikant von den Erwachsenen in der Bedingung ohne Gehstützen, aber deutlich mit Gehstützen unterschieden. Diskussion. Der zeitliche Verlauf der Entwicklung über die Lebensspanne und die zugrundeliegenden Mechanismen der Bewegungsvorstellungsfähigkeit sind noch nicht ausreichend geklärt (Souto et al., 2020). In der sportwissenschaftlichen Literatur wurde jedoch berichtet, dass bei komplexen Ganzkörperaufgaben die zeitliche Vorstellungskraft schneller ist als die tatsächliche Leistung, was möglicherweise auf die Komplexität der geforderten motorischen Fertigkeit und die Erfahrung der beteiligten Teilnehmer zurückzuführen ist. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass Novizen schnellere Zeitvorstellungen haben als Experten (Reed, 2002). Diese Ergebnisse scheinen mit den verkürzten Vorstellungszeiten bei den Kindern beim Gehen mit Gehstützen, einer ungewohnten Art der Fortbewegung, in Einklang zu stehen. Reale Gehbedingungen, z. B. Hindernislaufen, ältere und pathologische Personengruppen, umfassendere Bewertungen der Koordination wie auch die Arbeitsgedächtnisleistung, sollten in zukünftige Studien einbezogen werden.

 

Mentales Training mit Kindern? Zum Einfluss von Vorstellungstraining mit Analogien auf das Bewegungslernen

Cornelia Frank, Sebastian Bockholt, Christopher Meier
Universität Osnabrück

Dem regelmäßigen Sich-Vorstellen einer Bewegung ohne deren gleichzeitige Ausführung (Mentales Training; MT) kommt eine hohe Bedeutung beim Bewegungslernen zu. Meta-Analysen zeigen, dass insbesondere die Kombination aus Ausführung und Vorstellung das Bewegungslernen nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen unterstützen kann (Frank et al., 2023; Simonsmeier et al., 2021). Während die Synthese der Effekte die Wirksamkeit für Kinder ab zehn Jahren untermauert, mangelt es bisher an empirischen Arbeiten mit Kindern unter zehn Jahren. So bleibt unklar, ob und wie MT auch bei jüngeren Kindern gewinnbringend eingesetzt werden kann. Aus der Instruktionsforschung ist bekannt, dass Analogien sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern einen positiven Effekt auf das Bewegungslernen haben können (Meier et al., 2020). Ob sich jedoch Analogien als Vorstellungsinhalt beim MT positiv auf das Bewegungslernen bei Kindern auswirken, ist nicht bekannt. Ziel der Studie war es daher, die Wirkung eines auf Analogien basierenden MT im Rahmen des regulären Sportunterrichts der Primarstufe zu untersuchen. An der 6-wöchigen Feldstudie nahmen 7- bis 9-jährige Schülerinnen und Schüler aus 4 Klassen einer Grundschule in Niedersachsen teil. In Kleingruppen wurden verschiedene Übungen zum Schlagballweitwurf (Bewegungsfeld Laufen, Springen, Werfen; MWK, 2020) durchgeführt, entweder begleitet von Analogien oder expliziten Instruktionen, mit oder ohne Vorstellungstraining. Die 61 Kinder absolvierten jeweils 24 Würfe an 3 Übungstagen über einen Zeitraum von 1,5 Wochen. Vor und nach der Intervention sowie nach einem Behaltensintervall von 2 Wochen wurde die Bewegungsleistung über die Wurfweite erfasst. Separate 2 (Analogie vs. Explizit) x 2 (MT vs. kein MT) Varianzanalysen ergaben keine Unterschiede für relative Veränderungen der Wurfweite vom Vor- zum Retentionstest (Lernen) und vom Vor- zum Nachtest (Aneignung). Ein signifikanter Interaktionseffekt vom Nach- zum Retentionstest (Behalten) zeigt einen Anstieg der Wurfweite in der Mentalen Trainingsgruppe, die mittels Analogien übte, und einen Rückgang in der explizit instruierten Mentalen Trainingsgruppe. Die Ergebnisse deuten auf die Relevanz des Vorstellungsinhaltes hin: Kinder scheinen eher dann von Mentalem Training zu profitieren, wenn dieses mit Analogien und nicht explizit instruiert wird. Im Arbeitskreis werden diese Resultate unter Rückgriff auf Theorien des Mentalen Trainings, Entwicklungsaspekten und in Bezug auf das Bewegungslernen unter den heterogenen Bedingungen des Sportunterrichts diskutiert.

 

Beeinflusst ein Vorstellungstraining die Bewegungsplanung beim Lernen des Golfputts?

Andrea Polzien, Yannik von Stürmer, Christoph Schütz, Cornelia Frank
Universität Osnabrück

Vorstellungstraining (VT) stellt im Sport eine etablierte, wirkungsvolle psychologische Trainingsmethode zur Unterstützung von motorischem Lernen dar (Simonsmeier et al., 2020). Lernen durch Vorstellung kann aus ideomotorischer Sicht mit perceptual-cognitive scaffolding erklärt werden (Frank et al., 2023). Demnach geht VT mittels der Antizipation quasi-perzeptueller Effekte mit der Verbesserung der Bewegungsplanung einher, jedoch nicht unbedingt mit der Verbesserung der Bewegungsleistung. Bisher liegen jedoch keine Befunde vor, die die Wirkung von VT auf Planung und Leistung zeigen. Die vorliegende Studie untersucht die Frage, welchen Einfluss ein dem physischen Üben vorgeschaltetes Vorstellungstraining auf die Planung sowie die Leistung einer komplexen Handlung (Golfputt) hat. 24 Novizen wurden einer mental und physisch trainierenden Gruppe (MT) und einer ausschließlich physisch trainierenden Kontrollgruppe (K) zugewiesen und in einem Prätest (T1), einem Zwischentest (T2), einem Posttest (T3) und einem Retentionstest (T4) getestet. Dabei wurde die Leistung als mittlere Abweichung vom Ziel und die Bewegungsplanung mittels Blickverhalten als finale Fixation vor Bewegungsbeginn (Quiet Eye; QE) gemessen. Zwischen T1 und T2 führte die MT-Gruppe im Gegensatz zur K-Gruppe an vier aufeinanderfolgenden Tagen jeweils 3 x 20 vorgestellte Putts durch. Anschließend folgte für beide Gruppen zwischen T2 und T3 physisches Training an zwei Tagen mit jeweils 3 x 60 ausgeführten Putts. Die vorläufigen Daten wurden mittels Varianzanalysen mit Messwiederholung mit den Faktoren Testzeitpunkt und Gruppe ausgewertet. Die Analysen für das QE ergaben einen Haupteffekt für den Testzeitpunkt, F(1.75, 31.52) = 9.96, p = .001, ɳp2 = .36, jedoch keine Interaktion. Die Länge des QE nahm von T1 zu T2 (p = .015), sowie von T2 zu T3 (p = .014) signifikant zu, unterschied sich jedoch nicht zwischen T3 und T4. Eine explorative Varianzanalyse ergab eine Interaktion von Testzeitpunkt (zweiter Block T1 vs. erster Block T2) und Gruppe, die auf gleiche QE-Dauern der Gruppen am Ende von T1, aber längere QE-Dauern der MT-Gruppe zu Beginn von T2 basiert. Für die Leistung ergab sich ein Haupteffekt für den Testzeitpunkt, F(3, 57) = 30.68, p < .001, ɳp2 = .62, jedoch keine Interaktion. Post-hoc t-Tests zeigten signifikante Verbesserungen der Leistung von T1 zu T2 (p < .001) und von T2 zu T3 (p < .001), jedoch nicht von T3 zu T4. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass VT auf perzeptuell-kognitiver Ebene wirkt und mit der Verbesserung der Bewegungsplanung einhergeht. Nach mehrfacher tatsächlicher Ausführung der Bewegung gleichen sich die Gruppen jedoch wieder an. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund aktueller Theorien zum Bewegungslernen durch Vorstellung diskutiert.

 

Bimanuelle Transfereffekte nach visuellen und kinästhetischen Handlungsvorstellungstrainings einer seriellen Reaktionszeitaufgabe

Stephan F. Dahm1, Martina Rieger2, Sandra Sülzenbrück3
1Universität Innsbruck, 2UMIT Tirol, 3FOM Hochschule

Bei Handlungsvorstellungstrainings (HVT) wird eine Handlung gezielt mehrfach vorgestellt, um eine anschließende Handlungsausführung zu optimieren. Die erlernten Repräsentationen der Handlung können sich dabei zwischen Handlungsvorstellungstrainings und Handlungsausführungstrainings (HAT) unterscheiden. Zudem können bei Handlungsvorstellungstrainings diverse Modalitäten (z.B. Sehen, Hören, Fühlen etc.) einbezogen werden. Unter Zuhilfenahme des Crossed-hands Paradigmas wurde untersucht, ob sich die erlernten Repräsentationen bei einer seriellen Reaktionszeitaufgabe zwischen kinästhetischem Handlungsvorstellungstraining (KHVT) und visuellem Handlungsvorstellungstraining (VHVT) unterscheiden. 169 Versuchspersonen trainierten an zehn aufeinander folgenden Tagen in vier zufällig zugeteilten Gruppen entweder HAT, KHVT, VHVT, oder ein Kontrolltraining (KT). Vor und nach dem Training wurde die geübte Sequenz, eine Spiegelsequenz, eine verschobene Sequenz, eine verschobene Spiegelsequenz und eine zufällige Sequenz getestet, sowohl wie im Training als auch mit überkreuzten Händen. Reaktionszeiten und Fehlerraten wurden als linear-integrierter Speed-Accuracy Leistungsparameter zusammengefasst. Eine multifaktorielle ANOVA ergab keine sequenzspezifischen Lerneffekte in den Bedingungen mit überkreuzten Händen. Entsprechend konnten selbst nach HAT keine effektor-abhängigen Repräsentationen nachgewiesen werden. In den Test mit nicht-überkreuzten Händen zeigte sich, dass sequenz-spezifische Repräsentationen in HAT, KHVT, und VHVT erlernt wurden, nicht aber im KT. Das gleiche Bild zeigte sich auch in abschließenden Test zur freien Wiedergabe und Wiedererkennung der Sequenz. Obwohl, die wahrgenommenen visuellen Repräsentationen in VHVT stärker waren als in KHVT, unterschieden sich die beiden Gruppen nicht in der Art wie die Sequenzen erlernt wurden. Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass Handlungsvorstellungen unabhängig von den Instruktionen meist mehrere Modalitäten (zumindest Sehen, Fühlen und Rhythmus) beinhalten, welche möglicherweise gemeinsam das motorische Lernen fördern.

 
15:15 - 16:45AK02: Rethinking physical activity research: Novel perspectives and considerations
Chair der Sitzung: Maik Bieleke, Universität Konstanz
Chair der Sitzung: Chris Englert, Goethe-Universität Frankfurt
 

Rethinking physical activity research: Novel perspectives and considerations

Chair(s): Maik Bieleke (Department of Sport Science, University of Konstanz, Konstanz, Germany), Chris Englert (Institut für Sportwissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt)

Physical inactivity is a conundrum: While the beneficial effects of regular physical activity (PA) are generally accepted and widely known (WHO, 2022), a large and potentially growing number of people is insufficiently active (Guthold et al., 2018) – despite the wealth and sophistication of conceptual and intervention approaches to promote physical activity (see Ntoumanis et al, 2018). Here, we introduce two novel approaches that address the resulting calls for “rethinking physical activity research” (Das & Horton, 2012). The first contribution (Schüler et al.) introduces the ProPELL framework (“Promoting Physical Exercise in Lab and Life”), which applies best-practices in intervention design to physical exercise and activity interventions. The ProPELL framework highlights the importance of developing effective and scalable interventions by combining insights about dynamically interacting physiological and psychological processes from lab and field research. The second contribution (Bieleke et al.) presents the first implementation of the ProPELL framework in a multicenter, explorative research program. The current start-up phase of the research program revolves around an 8-week jump-training designed for physically inactive individuals, embedded in a longitudinal design with physiological, psychological, and behavioral measurement bursts in lab and life. The third contribution (Stähler et al.) zooms into one of the ongoing lab studies of the ProPELL research program, showing that eight weeks of training rendered participants’ perception of physical effort more positive, even in a task unrelated to the training. These effects persisted over time, indicating that regular exercise might sustainably boost the value individuals assign to physical effort. The fourth contribution (Ljubic et al.) focuses to the PAAM model (“Physical Activity Adoption and Maintenance,” Strobach et al., 2020), which emphasizes the interplay of implicit (e.g., habitual, affective) and explicit (e.g., intentional) processes involved in becoming and staying physically active over time. The authors introduce a novel research framework to empirically test the model’s assumptions using innovative assessment tools. In the fifth contribution (Jekauc et al.), a set of eight hypotheses about the explicit and implicit processes regulating PA is derived from the PAAM model. These hypotheses were tested in a longitudinal study conducted across five countries, with the results providing sound support of most hypotheses and serving as an impetus for further research on the model. In summary, the ProPELL framework and the PAAM model help to rethink PA research by advancing our knowledge about the determinants of PA and leveraging this knowledge to improve interventions designed to improve PA levels.

 

Beiträge des Arbeitskreises

 

ProPELL – The interactive temporal dynamics of physiological and psychological regulation in physical activity and exercise

Julia Schüler1, Maik Bieleke1, ProPELL Research Group2
1Department of Sport Science, University of Konstanz, Konstanz, Germany, 2University of Konstanz, Konstanz, Germany

Physical inactivity is a serious threat to public health and individual well-being, estimated to cause almost 500 million new cases of preventable, non-communicable diseases between 2020 and 2030 and burdening societies around the world with costs of more than US$ 300 billion (WHO, 2022). Due to its increasing prevalence and its global spread, physical inactivity is considered a pandemic that needs to be addressed as quickly and as effectively as possible (Kohl et al., 2012). Despite their number and level of sophistication, however, currently available interventions seem uncapable of reversing or even stopping this trend (e.g., Hallal & Pratt, 2020; Pratt et al., 2020), which has prompted calls for “rethinking our approach to physical activity” (Das & Horton, 2012). Here, we provide an overview of the current state of physical activity interventions, identify their strengths and weaknesses, and introduce ProPELL (“Promoting Physical Exercise in Lab and Life”) as a novel conceptual framework for developing more effective interventions. According to the ProPELL framework, three challenges stand out when it comes to developing physical activity interventions. First, we need to better integrate physiological and psychological systems, considering how the associated regulatory processes interact dynamically with each other and with the physical and social environment. This requires multidisciplinary approaches that combine dedicated expertise on physical exercise and performance (sport and training science), cognitive and emotional processes (psychological science and neuroscience), and model complex patterns and high resolution data (computer and information science). Second, we need to combine experimental and observational measures that capture the complexity of psychological and physiological parameters at various degrees of spatiotemporal resolutions. This requires the design of controlled training trials, embedded in longitudinal studies with measurement bursts in lab (internal validity) and life settings (external validity). Third, we need to take make sure that interventions are scalable both horizontally (e.g., across age and health groups) and vertically (e.g., across individual and community levels). This requires a focus not only on the effectivity of interventions, but also on whether they can be adapted flexibility to heterogeneous requirements, are acceptable to people with various socio-demographic characteristics, and feasible in complex real-world settings. In summary, the ProPELL framework leverages best-practice approaches in intervention design (e.g., Rothman & Sheeran, 2020) to rethink exercise and physical activity interventions and fight the global inactivity pandemic.

 

ProPELL – A multicenter, explorative research program to promote physical exercise in lab and life

Maik Bieleke1, Julia Schüler1, ProPELL Research Group2
1Department of Sport Science, University of Konstanz, Konstanz, Germany, 2University of Konstanz, Konstanz, Germany

The ProPELL framework (“Promoting Physical Exercise in Lab and Life”) aims to advance physical activity interventions by leveraging three core principles: (1) the integrative analysis of dynamically interacting physiological and psychological processes, (2) the combination of experimental and observational assessments in lab and life, and (3) the development of horizontally and vertically scalable trainings. Implementing, applying, and evaluating this framework constitutes a long-term research goal that requires a multi-phase research project. Here, we introduce Phase 1 of the ProPELL research project, which has been launched in 2022 at the University of Konstanz, Germany. At its core lies a randomized controlled physical training intervention that targets individuals with low levels of exercise and physical activity. The training consists of various high-intensity, low-volume jump exercises to promote neuromuscular and cardiovascular functioning. It is carried out three times a week over a period of eight weeks (i.e., 24 sessions in total) and gradually ramped up in terms of intensity and volume. In line the principle of scalability, each session takes only about 15 minutes and requires no special equipment or exercise experience. To take the multimethodological principle into account, the training is embedded in a 22-week longitudinal study in which multiple sites cooperate to collect physiological (e.g., neuromuscular, cardiovascular, and brain functioning), psychological (e.g., motivational, cognitive, and emotional functioning), and behavioral data (e.g., sports, exercise, and activity levels) in both lab and life. These data represent different temporal resolutions as well as various physiological and psychological systems, including continuous heart rate and activity assessments (with sports watches and heart rate sensors), ambulatory assessments of behavioral and psychological factors (using triggered electronic questionnaires combined with activity trackers), and repeated measurement bursts of neuropsychological processes (e.g., MRT and fNIRS). Consistent with the principle of an integrative physiological-psychological analysis, visual analytics tools will be used to investigate interdependent high-dimensional sequential patterns of these physiological and psychological processes that interact dynamically at different temporal levels. In summary, Phase 1 of the ProPELL research project aims to provide crucial insights into the core assumptions of the ProPELL framework, laying the foundation for subsequent phases of developing novel exercise and physical activity interventions.

 

ProPELL - Regular physical training enhances the value of physical effort in sports

Johanna Stähler, Maik Bieleke, Julia Schüler
Department of Sport Science, University of Konstanz, Konstanz, Germany

Physical exercise requires effort. However, effort feels costly, and people try to minimize its exertion (Hull, 1943). The costly nature of physical exercise might be one reason why so many people fail to exercise sufficiently (Kohl et al., 2012). Crucially, this reasoning does not account for the observation that effort is sometimes also treated as a reward (Inzlicht et al., 2018): Repeated coupling of effort with rewarding outcomes can turn effort itself into a reward (Eisenberger, 1992). So far, this idea has not been utilized to promote long-term physical activity in the general public. We address this gap by investigating how regular physical exercise alters the value of physical effort (VoPE). This study is part of the controlled training study ProPELL with three measurement bursts (pre-intervention, post-intervention, and follow-up). Only sedentary individuals could participate. Participants were assigned to an eight-week high-intensity jump training (TG) or the control group (CG). Here, we present interim results from the first wave of data collection (N = 30 participants). Each measurement session consisted of two bike ergometer tasks. The first task assessed how participants value effort during pre-determined performance levels. These levels were adapted according to the individual aerobic thresholds determined via spiroergometry a few days before each measurement. The aim was to standardize relative effort levels across participants, in order to compare the VoPE across groups and measurement points. The second ergometer task assessed participants’ voluntary choice of effort exertion. Here, the aim was to measure the preference for effort based on actual behavior (watts) and to compare it between groups. For both tasks, participants’ perceived effort (RPE) and VoPE (“How much do you like to exert yourself right now?”) were assessed. Participants in TG and CG did not differ in RPE. After the training period, the VoPE was higher in the TG than in the CG. This group difference remained significant for the follow-up measurement. In the second task, no performance differences were found between TG and CG and between measurement points. We showed that after eight weeks of regular jump training, originally sedentary individuals perceived effort as more valuable, even in a task that is unrelated to the training. Importantly, this increase in the value of effort was stable over time. Increased valuation of effort did not translate into changes in performance over a free-choice task.

 

Vorstellung einer Studie zur empirischen Überprüfung der Annahmen des „Physical Activity Adoption and Maintenance“-Modells (PAAM)

Phil Ljubic1, Ines Pfeffer2, Chris Englert1
1Institut für Sportwissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt, 2Fakultät für Humanwissenschaften, Medical School Hamburg

Die positiven Effekte körperlicher Aktivität auf die Gesundheit sind umfassend belegt (Warburton & Bredin, 2017). Zudem ist die Kenntnis bzgl. der positiven gesundheitlichen Effekte regelmäßiger körperlicher Aktivität gesellschaftlich weit verbreitet (Lamprecht et al., 2014; O’Donovan & Shave, 2007). Trotz dieser Kenntnis und institutioneller Bemühungen ist der Anteil an körperlich aktiv lebenden Menschen in westlichen Industrienationen von 68.4 % im Jahr 2001 auf 57.7 % im Jahr 2016 gesunken (Guthold et al., 2018). In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, ob sich Personen explizit gegen regelmäßige körperliche Aktivität entscheiden oder ob und wie implizite Prozesse die Bildung von Verhalten mitbeeinflussen. Rhodes und de Brujin (2013) berichten in ihrer Metaanalyse, dass von den 3.899 in der Analyse berücksichtigten Personen 78 % angaben, regelmäßig körperlich aktiv sein zu wollen. Jedoch gelang es nur knapp der Hälfte der befragten Personen, ihre Intention regelmäßig in das entsprechende intendierte bewegungsbezogene Verhalten umzusetzen (Rhodes & de Bruijn, 2013). Zur Erklärung dieser Intentions-Verhaltenslücke (Sheeran, 2002) wird u.a. auf Modelle der Verhaltensänderung (Pfeffer & Wegner, 2020) zurückgegriffen, deren Annahmen nur teilweise empirisch überprüft wurden. Ziel der geplanten Studie ist die empirische Überprüfung des „Physical Activity Adoption and Maintenance“-Modells (PAAM; Strobach et al., 2020). Das PAAM-Modell nimmt an, dass vorangegangene körperliche Aktivität Auswirkungen auf explizite (Intentionen) und implizite (Gewohnheiten, Affekte) Prozesse ausübt und dass das Zusammenspiel zwischen diesen und weiteren expliziten Konstrukten (Exekutive Funktionen, dispositionelle Selbstkontrolle) künftiges Aktivitätsverhalten vorhersagen kann. Ziel des Vortrags wird es sein, einen Überblick zum intendierten Forschungsansatz zu vermitteln, mittels dessen die Validität des PAAM-Modells empirisch überprüft werden soll. Zur validen Erfassung der im Modell beinhalteten Konstrukte wird im Rahmen der geplanten Studie auf innovative Erhebungsmöglichkeiten zurückgegriffen. So ist bspw. der Einsatz von sensor-getriggerten ambulatorischen Erhebungen über Akzelerometer in Verbindung mit Smartphones geplant. Diese Kombination ermöglicht u.a. die Erhebung von Affekten unmittelbar vor, während und nach der jeweiligen körperlichen Aktivität in der natürlichen Lebenswelt der Versuchsperson.

 

Implicit and explicit processes in physical activity behavior: Empirical testing of the Physical Activity Adoption and Maintenance model (PAAM)

Darko Jekauc1, Ceren Gürdere2, Chris Englert3, Tilo Strobach4, Ines Pfeffer4
1Karlsruhe Institute of Technology, 2University of Padua, 3Goethe University of Frankfurt, 4Medical School Hamburg

In line with dual-process theories, the Physical Activity Adoption and Maintenance (PAAM) model assumes that physical activity behavior (PA) is regulated by explicit and implicit processes (Strobach et al., 2020). In the present study, theoretical assumptions of this model were empirically tested. The following eight hypotheses were derived from the model: 1) past behavior, 2) intention, and 3) habit have a positive effect on future physical activity. Furthermore, we expect 4) intention and 5) habit to mediate at least partially the association between past PA behavior and future PA behavior, whereas 6) affect and habit act as a mediation chain between past PA and future PA. In addition, we propose that 7) trait self-regulation and 8) affect moderate the intention-behavior-relationship. In order to test these hypotheses, data were collected via an online survey in English, German, and Italian at two times of measurement four weeks apart. The sample consisted of 422 participants (Mage= 25.3, SDage= 10.1; 74.2 % female) recruited from Germany, Switzerland, Italy, the USA, and Canada. The results of hierarchical linear regression analyses mostly support the assumptions of the PAAM model. Hypotheses 1-3 were supported, as past behavior, intention and habit each had statistically significant effects on future PA. Additionally, intentions (4) and habits (5) significantly mediated the effects of past behavior on future PA. Moreover, the effect of past PA also had a significant effect on future PA through a mediation chain via affect and habit (6). A significant moderation effect of affect on the intention-behavior relationship (8) was found. However, the hypothesis that trait self-regulation moderates this relationship (7) could not be confirmed. The results mainly support the assumptions of the PAAM model. Further long-term longitudinal studies with a duration of several month and additional times of measurement (e.g., weekly) are needed to examine the utility of the theory in the long-term process of the adoption and maintenance of PA.

 
15:15 - 16:45AK03: Interpersonale Gewalt im Sport
Chair der Sitzung: Alina Schäfer-Pels
 

Interpersonale Gewalt im Sport

Chair(s): Alina Schäfer-Pels (Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie)

Prävalenzstudien und medialen Berichten zufolge ist interpersonale Gewalt national sowie international sowohl im Leistungs- als auch Breitsport verbreitet. Um dem Auftreten interpersonaler Gewalt im Sport entgegenzuwirken und die Aufarbeitung zurückliegender Fälle zu fördern, sind in den letzten Jahren sowohl in der Forschungslandschaft als auch in der Praxis Projekte entstanden und Maßnahmen ergriffen wurden.
Dieses Forschungssymposium hat zum Ziel, Einblicke in ausgewählte Projekte und Projektergebnisse aus der Forschung, teilweise mit der Schnittstelle zur Praxis, zu geben. Dabei wird der Fokus auf Prävalenzen, die Trainer*in-Athlet*in-Beziehung, die Aufarbeitung sowie die Implementierung von Präventionskonzepten in die Praxis gelegt.
(1) Der Beitrag von Greither et al. beschäftigt sich mit der Prävalenz interpersoneller Gewalt im Breiten- und Vereinssport, da in diesem Bereich bislang spezifische Kennzahlen fehlen. Die Ergebnisse der Querschnittsbefragung belegen, dass interpersonelle Gewalt in Sportvereinen verbreitet auftritt und ein Großteil der Sportler*innen (70%) diese mindestens einmal im Verein erlebt. Auf Basis der Studie können evidenzbasierte Maßnahmen zur Prävention entwickelt und bestehende Konzepte verbessert werden.
(2) In dem Beitrag von Schäfer-Pels et al. wird der Frage nachgegangen, ob emotionale Nähe in der Trainer*in-Athlet*in-Beziehung Rollendiffusion erklären kann. Die Ergebnisse belegen, dass emotionale Nähe insbesondere zur Varianzaufklärung hinsichtlich der Einflussnahme von Trainer*innen auch außerhalb des Sportkontexts sowie zu Grenzüberschreitungen beitragen kann.
(3) Der Beitrag von Wahnschaffe-Waldhoff et al. stellt den Aspekt der Aufarbeitung betroffener Personen von sexualisierter Gewalt im Sport in den Fokus. Es werden die Ergebnisse einer umfangreichen qualitativen Studie präsentiert. Diese zeigen unter anderem, dass Erfahrungen sexualisierter Gewalt aus individuell-biografischer Perspektive vielfältige gewaltbegünstigende Lebensumstände vorangehen sowie verschiedenste persönliche Folgen identifiziert werden können.
(4) Der Beitrag von Schmitz et al. präsentiert das im Januar 2022 gestartete Projekt »Safe Clubs«. Dieses Projekt zielt darauf ab, die Prävention von interpersonaler Gewalt in Sportvereinen ganzheitlich zu verbessern, indem die Bereiche Analyse, Prävention und Intervention im Kinder- und Jugendschutz abgedeckt werden. Im Anschluss an eine Beschreibung des Gesamtprojektes werden zwei Teilprojekte detaillierter beschrieben. Diese haben zum Ziel, in Sportvereinen eine Kultur des Hinsehens zu etablieren und das Empowerment von Sportler*innen durch Interventionen mit allen Akteursgruppen in Sportvereinen zu stärken. Erste Ergebnisse dieses Projektes werden im Rahmen des Beitrags vorgestellt.
(5) Staufenbiel et al. liefern einen Beitrag dazu, wie Sportorganisationen interpersonaler Gewalt (präventiv) begegnen können und stellt den gesamtverbandlichen Kultur- und Strukturwandelprozess „Leistung mit Respekt“ im Deutschen Turner-Bund vor. Neben dem Aufbau, der Vorgehensweise und den Learnings des Prozesses werden auch die Ergebnisse einer Befragung unter Athlet*innen, Trainer*innen, Eltern und Funktionär*innen dargestellt.

 

Beiträge des Arbeitskreises

 

„SicherImSport“ - Interpersonale Gewalt im organisierten Sport: Häufigkeiten und Formen

Teresa Greither, Sophia Mayer, Thea Rau, Marc Allroggen
Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Begleitet von erhöhter medialer Aufmerksamkeit und unterstützt von Forderungen bekannter Athlet*innen rückte das Thema Schutz vor Gewalt im Sport in jüngster Zeit vermehrt in den Fokus. Wie die Studie „SafeSport“ (Rulofs et al., 2016, Ohlert et al., 2020) zeigte, sind Erfahrungen interpersonaler Gewalt im Leistungssport weit verbreitet: 87% der befragten Kadersportler*innen berichteten von psychischer Gewalt, 29% von physischer und 37% sexualisierter Gewalt. Die Vorkommnisse spielen sich häufig in Sportvereinen ab, welche wiederum meist nicht ausreichend für das Thema aktiviert sind und bislang wenige Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt umsetzen (Rulofs et al., 2016). Gerade in Sportvereinen, welche die Basis des deutschen Sportsystems bilden, ist der Schutz vor Gewalt von besonderer Relevanz, bieten sie doch zahlreichen Kindern und Jugendlichen Freizeit-, Bewegungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Ziel der Studie „SicherImSport“ ist daher, das Ausmaß von (sexualisierten) Grenzverletzungen, Belästigung und Gewalt im vereinsorganisierten Breitensport zu erforschen. Damit soll die Forschungslücke in Bezug auf die Prävalenz von interpersoneller Gewalt im Breitensport geschlossen werden. Zudem wird dabei auch den Fragen nachgegangen, inwiefern die unterschiedlichen Gewaltformen, z.B. psychische und körperliche Gewalt, miteinander verbunden sind und in welchen Settings und Konstellationen Gewalt auftritt. Mit Unterstützung von elf Landessportbünden wurden aktive und ehemalige Sportvereinsmitglieder aus Deutschland rekrutiert, welche an einer Online-Querschnittsbefragung teilnahmen (N = 4.367). Die Befragung umfasste Fragen zu Erfahrungen interpersonaler Gewalt (psychische, physische, sexualisierte Gewalt, Vernachlässigung) jeweils innerhalb und außerhalb des Sportkontexts, sowie Fragen zum Kontext der Erfahrungen. 70% der Befragten geben an, dass sie mindestens einmal eine Form interpersonaler Gewalt im Sport erlebt haben. Die am häufigsten berichtete Gewaltform ist psychische Gewalt (64%), gefolgt von physischer Gewalt (37%), sexualisierter Gewalt ohne (26%) bzw. mit Körperkontakt (19%) und Vernachlässigung (15%). Die Gewaltformen treten weithin überlappend auf und häufig werden mehrere Gewaltformen erfahren. Erfahrungen innerhalb und außerhalb des Sports überschneiden sich ebenso stark: Die Mehrheit der Befragten, die interpersonelle Gewalt im Vereinssport erlebt haben, erlebte diese auch außerhalb des Vereinssports. Die Ergebnisse verdeutlichen die Wichtigkeit des Schutzes vor Gewalt in allen Bereichen des organisierten Sportes bis hinein in den Breitensport. Eine gesamtheitliche Strategie zur Prävention sollte alle Formen interpersonaler Gewalt aufgreifen und nicht auf einzelne Aspekte wie sexualisierte Gewalt fokussieren. Weiterhin ist die sportspezifische Betrachtung des Kontexts interpersonaler Gewalt bedeutsam zur Differenzierung der Erfahrungen. Auf Basis der Ergebnisse können Präventions- und Interventionsstrategien für Sportvereine zielgerichtet entwickelt und angepasst werden, sodass diese zukünftig besser wahrgenommen und genutzt werden.

 

Emotionale Nähe und Rollendiffusion in der Trainer*in-Athlet*in-Beziehung

Alina Schäfer-Pels1, Jeannine Ohlert2, Marc Allroggen1
1Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 2Deutsche Sporthochschule Köln

Betrachtet man die Beziehung von Trainer*in und Athlet*in wird deutlich, dass ungleiche Machtverhältnisse vorliegen (Vertommen, 2016), da Trainer*innen beispielsweise über die Wettkampfteilnahme bestimmen und das Trainings- und Wettkampflima maßgeblich beeinflussen. Es ist bekannt, dass ungleiche Machtverhältnisse die Entstehung sexualisierter Gewalt begünstigen können (Roberts, Sojo, & Grant, 2020). Trotz ungleicher Machtverhältnisse schreiben Athlet*innen, die sexualisierte Gewalt durch ihre/ihren Trainer*in erfahren haben, der Beziehung zu Trainer*innen eine große emotionale Nähe zu und vergleichen diese mit ihrer Beziehung zur ihren Eltern (Gaedicke et al., 2021). Emotionale Nähe wird, laut des 3+1C’s-Modells (Jowett, 2007), neben Koorientierung, Komplementarität und der Intention, die Beziehung aufrecht zu erhalten, als ein zentraler Faktor in Trainer*in-Athlet*in-Beziehungen gesehen. Aktuelle Studien, die auf diesem Modell basieren, belegen, dass emotionale Nähe in der Trainer*in-Athlet*in-Beziehung positiv mit z.B. dem psychologische Wohlbefinden (Simons and Bird, 2022) oder der Gruppenkohäsion (Freire et al., 2022) zusammenhängen. Anderseits zeigt die Literaturlage, dass eine große emotionale Nähe das Risiko mit sich bringt, dass Grenzen innerhalb von Beziehungen verwischen (Schmid et al., 2015) und es zur Rollendiffusion kommt. Rollendiffusion ist dadurch gekennzeichnet, dass die/der Trainer*in z.B. auch auf andere Kontexte als den Sportkontext von Athlet*innen Einfluss nimmt, grenzüberschreitendes Verhalten zeigt und/oder eine sehr autoritäre Position verlangt. Mittels der vorliegenden Untersuchung soll überprüft werden, ob emotionale Nähe in der Trainer*in-Athlet*in-Beziehung Rollendiffusion erklären kann. Zur Überprüfung wurden 654 Athlet*innen (Geschlecht: 62% weiblich; Alter: M = 20.8 Jahre, SD = 6.68) zur emotionalen Nähe in der Trainer*in-Athlet*in-Beziehung (CARTQ; Schäfer & Ohlert, 2020) sowie zur Rollendiffusion der/des eigenen Trainer*in (per EFA analysierte neu konstruierte Items; Faktoren: außerhalb des Sports, Autorität, Grenzüberschreitung) befragt. Die Ergebnisse von drei linearen Regressionsanalysen zeigen, dass emotionale Nähe (UV) signifikant zur Varianzaufklärung hinsichtlich der Rollendiffusion außerhalb des Sports (R² = .152, F(1,650) = 116.66, p < .001) sowie Grenzüberschreitungen (R² = .047, F(1,651) = 31.92, p < .001) beiträgt. Zur Rollendiffusion-Autorität zeigt sich kein signifikantes Ergebnis (R² = .005, F(1,652) = 3.60, p = .058). Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass emotionale Nähe insbesondere eine Rolle dafür spielen könnte, dass Trainer*innen über ihren eigentlichen Handlungskontext hinaus agieren sowie, dass Grenzen in der Trainer*in-Athlet*in-Beziehung verwischen können. Die Ergebnisse sind mit Vorsicht zu betrachten, da sie keine Rückschlüsse auf Kausalzusammenhänge zulassen und ausschließlich die Perspektive der Athlet*innen berücksichtigt wird. Mit Blick auf die Praxis können die Ergebnisse einen Beitrag zur Sensibilisierung für klare Rollendefinitionen und Grenzen in der Trainer*in-Athlet*in-Beziehung liefern.

 

Sexualisierte Gewalt im Kontext des Sports – Analyse der Anhörungen der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Kathrin Wahnschaffe-Waldhoff, Bettina Rulofs, Marilen Neeten, Annika Soellinger
Deutsche Sporthochschule Köln

In Deutschland gehört Sport zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten von Kindern und Jugendlichen. Etwa 50 % der Mädchen und 60 % der Jungen sind Mitglied in einem Sportverein (Gerlach & Hermann 2015). Hinzu kommt die Nutzung kommerzieller Sportangebote, die sich bei Jugendlichen wachsender Beliebtheit erfreuen (Thieme 2015). Sportliche Kontexte stellen für Heranwachsende bedeutsame Lebensbereiche dar, in denen sie wichtige Sozialisationserfahrungen machen sowie Förderung in ihrer körperlichen und motorischen Entwicklung erfahren. Umso erschütternder wirken sich in diesem von Gemeinschaft, Nähe und Vertrauen geprägten Kontext sexualisierte Missbrauchserfahrungen auf die Lebensverläufe Betroffener aus. Um diese Erfahrungen einzuholen hat die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Betroffene sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aufgerufen, von der ihnen widerfahrenen Gewalt zu berichten. Es wurden Betroffene angehört, die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt im Freizeit-, Leistungs- und im Schulsport gemacht haben.

Das Forschungsteam hat 72 vertrauliche Anhörungen und Berichte von erwachsenen Personen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt im Sport erfahren haben und die von speziell geschulten Anhörungsbeauftragten der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs durchgeführt wurden, qualitativ ausgewertet. Dabei wurde eine inhaltlich-strukturierende qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2016) durchgeführt, die durch Verfahrensschritte der dokumentarischen Methode nach Bohnsack (2003), wie die komparative Sequenzanalyse einzelner Sinnabschnitte (Bohnsack & Nohl 2001) und eine Typenbildung (Bohnsack 2001) ergänzt wurde. Außerdem wurde ein partizipativer Ansatz verfolgt, der die Perspektive Betroffener in den Forschungsprozess einbezieht.

Die Rekonstruktion der Gewalterfahrungen aus der individuell-biografischen Perspektive Betroffener zeigt unter anderem eindrücklich auf, wie einschneidend, lebensverändernd und belastend die Gewalt erfahren wird. Als Gewalt begünstigende persönliche Lebensumstände können familiäre Verhältnisse, in denen sich Kinder und Jugendliche kaum anvertrauen können, identifiziert werden. Die Folgen der sexualisierten Gewalterfahrungen für die Biografien der Betroffenen sind vielfältig. Fokussiert werden soll besonders auf empfundene Scham- und Schuldgefühle sowie auf die Folgen für die sportbezogene Biografie, die gravierend sind und häufig in einem Dropout enden.

Die Erfahrungen von sexualisierter Gewalt im Sport stehen, wie die Analyse der vertraulichen Anhörungen zeigt, im krassen Widerspruch zum Heilsversprechen des Sports. Den Opfern entstehen durch die Taten lebenslange Schäden an Gesundheit, Wohlbefinden und Teilhabe am Sport sowie am gesellschaftlichen Leben.

 

»Safe Clubs«: Entwicklung und Evaluation von Empowerment-Workshops zur Prävention von interpersonaler und sexualisierter Gewalt in Sportvereinen

Helena Schmitz1, Jeannine Ohlert1, Marc Allroggen2, Marion Sulprizio1, Teresa Greither2, Elena Breyer1, Janna Kerkow1
1Deutsche Sporthochschule Köln, 2Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

In den vergangenen Jahren wurden in mehreren Studien hohe Prävalenzen von interpersonaler Gewalt im Sport nachgewiesen (z.B. "Sicher im Sport" von Rulofs et al., 2022). Insbesondere der Sportverein ist der am häufigsten genannte Kontext für Gewalterfahrungen. So betonen beispielsweise Allroggen et al. (2016), dass die Schaffung einer „Kultur des Hinsehens“ in Sportvereinen und das Empowerment von Sportler*innen dazu beitragen können, diese vor Gewalt zu schützen. Nach Wolff (2015) kann sich ein kultureller Wandel in einer Organisation nur entfalten, wenn möglichst alle Ebenen und Akteur*innen einer Organisation beteiligt sind. Das Projekt »Safe Clubs« greift diese Erkenntnisse auf und gliedert sich in fünf Teilprojekte, die die Bereiche Analyse, Prävention und Intervention im Kinder- und Jugendschutz abdecken. Teilprojekt 1 befasst sich mit der Durchführung von Vereinsanalysen sowie der Entwicklung organisatorischer Schutzprozesse. Teilprojekte 2 und 3 befassen sich mit der ganzheitlichen Verbesserung der Prävention von interpersonaler Gewalt in Sportvereinen, indem eine Kultur des Hinsehens eingeführt und Sportler*innen durch Interventionen mit allen Beteiligten in Sportvereinen gestärkt werden. Teilprojekt 4 fokussiert sich auf die Vermittlung konkreter Handlungskompetenz bei Verdachts-/Vorfällen für die Ansprechpersonen im Kinderschutz. Im fünften Teilprojekt werden konkrete Transferprodukte entwickelt, die bei Projektende allen Sportvereinen in Deutschland zur Verfügung gestellt werden. In diesem Beitrag wird nur auf Teilprojekte 2 und 3 eingegangen, in denen Workshopkonzepte für (a) alle Erwachsenen im Vereinskontext, (b) nur Trainer*innen und für (c) Sportler*innen entwickelt werden. Workshop (a) richtet sich hierbei z.B. an Vorstandsmitglieder, Eltern, Trainer*innen oder Physiotherapeut*innen und fokussiert sich auf die Wissensvermittlung, die Vermittlung eines Handlungsleitfadens, sollte man eine grenzüberschreitende Situation als passive Person beobachten, sowie die gemeinsame Schaffung einer Kultur des Hinsehens. Workshops (b) haben zum Ziel, das Empowerment der Sportler*innen zu verbessern. Um einen kulturellen Wandel zu unterstützen, beschäftigen sich die Workshops auf die Umsetzung eines Empowerment-stärkenden Trainingsklimas. Diese Intervention beabsichtigt eine Verhaltensänderung hin zu mehr Empowerment-stärkenden Strategien im Training, da diese als Schutzfaktor gegen interpersonale Gewalt dienen können (Ohlert et al., 2022). Schließlich sollen (c) Empowerment-stärkende Workshops für Sportler*innen Gelegenheiten bieten, eigene Grenzen zu erkunden, zu stärken und zu kommunizieren sowie Unterstützungsangebote kennen zu lernen, wenn verdächtige Situationen beobachtet oder selbst erlebt werden. Alle Experimental- und Kontrollgruppen füllen Fragebögen aus, die das Erreichen der Workshop-spezifischen Ziele sowie die subjektive Wahrnehmung der Kultur des Hinsehens im jeweiligen Verein evaluieren. Zur Auswertung der Daten werden (multivariate) Varianzanalysen und Korrelationsanalysen durchgeführt. Implikationen der Ergebnisse für die Prävention von interpersoneller Gewalt in Sportvereinen werden vorgestellt und diskutiert.

 

Psychische Gewalt und Change Prozesse in Sportorganisationen

Kathrin Staufenbiel1, Eva Reinschmidt1, Jeannine Ohlert2, Martin Hartmann1, Thomas Gutekunst1, Michaela Röhrbein3
1Deutscher Turner-Bund, 2Deutsche Sporthochschule Köln, 3Deutscher Olympischer Sportbund

Insbesondere im Turnsport löst die 2020 veröffentlichte Netflix-Dokumentation "Athlete A" über den Missbrauchsskandal um den US-amerikanischen Teamarzt Larry Nassar im Juni 2020 eine öffentliche Debatte über die Trainingskultur im Spitzensport aus. Studien (z.B. »Safe Sport Studie«; Ohlert et al., 2021; Ohlert et al., 2017; Rulofs et al., 2017) und nationale, sowie internationale Schilderungen von Betroffenen zeigen, dass Vorfälle von Gewalt im Sport keine Einzelfälle sind. Ende November 2020 äußerten sich im Magazin "Der Spiegel" deutsche Turnerinnen öffentlich zu Trainingsmethoden und Umgangsformen und erhoben schwere Vorwürfe der Ausübung psychischer Gewalt sowie der Abgabe von Medikamenten ohne ärztliches Rezept (Windmann, 2020). Durch eine durch das DTB-Präsidium eingesetzte unabhängige Untersuchung wurden die in den Medien erhobenen Vorwürfe bestätigt. Neben sportpolitischen Forderungen (u.a. Einrichtung eines Safe Sport Zentrums) entschied der DTB einen gesamtverbandlichen den Kultur- Strukturwandelprozess „Leistung mit Respekt“ durchzuführen (Deutscher Turner-Bund, 2021a). Dieser Beitrag stellt den Aufbau, die Vorgehensweise, die Ergebnisse und die Learnings des Change Prozesses vor. Dabei werden auch die Ergebnisse einer Befragung unter Athlet*innen, Trainer*innen, Eltern und Funktionär*innen präsentiert (Ohlert, 2022).

 
15:15 - 16:45AK04: Talententwicklungsumgebung im Nachwuchsleistungssport: Assessment, Analysen, Intervention
Chair der Sitzung: Dorothee Alfermann, Universität Leipzig
Diskutant*in: Dorothee Alfermann, Universität Leipzig
 

Talententwicklungsumgebung im Nachwuchsleistungssport: Assessment, Analysen, Intervention

Chair(s): Dorothee Alfermann (Universität Leipzig, Deutschland), Babett Lobinger (Deutsche Sporthochschule Köln)

Diskutant*in(nen): Dorothee Alfermann (Universität Leipzig)

Talententwicklung (TE) ist als komplexer und dynamischer Prozess zu verstehen, der darauf hinauslaufen soll, exzellente Leistungen hervorzubringen. Dieser Prozess beeinflusst die Entwicklung von Sportlerinnen und Sportlern auf mehrdimensionale Weise mit dem letztendlichen Ziel ihr Potenzial zu maximieren. In unterschiedlichen TE-Ansätzen werden verschiedene Einflussquellen aufgeführt. Der Fokus der jeweiligen Modelle liegt zum Beispiel auf den frühen Jahren der Kompetenzentwicklung durch Training, auf Athlet:innenvariablen wie Motivation und Physiologie und/oder auf sozialen Einflüssen, insbesondere Trainer:innen, Eltern und Vereinen. Der Ansatz der Talententwicklungsumgebung (TDE) betont sowohl die individuellen Merkmale und Veränderungen der Person wie auch die systematische und auf die Person zugeschnittene Förderung durch die Umgebung (Talentumfeld). TDE bedeutet in dem Zusammenhang, dass es darum geht ein angemessene Umfeld zu schaffen, in der junge Athleten und Athletinnen ihr sportliches Potential bestmöglich entfalten können. Optimale Talententwicklung hin zur Exzellenz beruht somit darauf, dass ein Individuum zum einen besondere Begabungen und personale Merkmale einbringt, die zum anderen in der Interaktion mit der physischen und sozialen Umwelt weiterentwickelt, gefördert und optimiert werden können. Die bisherige Forschung zur TDE wird im Wesentlichen von zwei Ansätzen bestimmt, nämlich zum einen vom qualitativen Ansatz der skandinavischen Forschungsgruppe um Kristoffer Henriksen, die durch Beobachtungs- und Interviewverfahren acht optimale systemische Umgebungsbedingungen der Talententwicklung aufzeigen konnten (zsf. Henriksen & Stambulova, 2017). Zum anderen ist der quantitative Ansatz der Arbeitsgruppe um Russell Martindale zu nennen, der von ursprünglich sieben und inzwischen fünf Dimensionen einer optimalen TDE ausgeht und ihre Messung per standardisierten Skalen (TDEQ) vornimmt (Li et al., 2015). Im Forschungssymposium werden beide Ansätze zunächst kurz vorgestellt, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutiert sowie funktionale und dysfunktionale Einflüsse der TDE aufgezeigt (Vortrag 1). Anschließend werden Ergebnisse des TDEQ mit deutschen Stichproben des Nachwuchsleistungssports berichtet (Vorträge 1 und 2). Die Vorträge 3 und 4 nehmen Analysen von TDEs im Nachwuchsfußball (männlich) mithilfe von qualitativen Daten vor. In der abschließenden Diskussion wird auf Forschungsdesiderata eingegangen und auf notwendige psychologisch fundierte Interventionsansätze zur Optimierung der TDE im Nachwuchsleistungssport und daraus resultierend der Talententwicklung von Athletinnen und Athleten.

 

Beiträge des Arbeitskreises

 

Talententwicklungsumgebung : Assessment mit dem Talent Development Environment Questionnaire (TDEQ-5)

Babett Lobinger1, Dorothee Alfermann2
1Deutsche Sporthochschule Köln, 2Universität Leipzig

Die Qualität des Umfelds für die Talententwicklung und die Art und Weise, wie es junge Athletinnen und Athleten unterstützt, wurde bereits als ein wichtiger Erfolgsfaktor identifiziert. Dennoch mangelt es in der psychologischen Talentbewertung an standardisierten Instrumenten, die sich mit Umweltaspekten befassen. Die bisher bekannten Ansätze stammen zum einen aus dem Arbeitskreis um Kristoffer Henriksen, der mittels Fallstudien optimale Talentumgebungen analysiert und auf acht systemisch relevante Dimensionen verweist. Zum anderen werden von der Arbeitsgruppe um Russell Martindale quantitative Skalen vorgelegt, die in der jüngsten Fassung von fünf relevanten Dimensionen ausgehen. Dabei handelt es sich um den Talent Development Environment Questionnaire (TDEQ - Martindale et al., 2010). Neben einem Vergleich beider Ansätze beschäftigt sich der vorliegende Beitrag mit der deutschsprachigen Fassung des TDEQ. Der TDEQ wurde bisher zwar in mehrere Sprachen übersetzt, jedoch nicht ins Deutsche. Im Rahmen unserer Studie wurde der 25 Items umfassende Fünf-Faktoren-Fragebogen TDEQ-5 (Li et al., 2015) systematisch vorwärts und rückwärts übersetzt und von 276 deutschen jugendlichen Sportlerinnen und Sportlern aus verschiedenen Sportarten im Alter zwischen 13 und 21 Jahren (M = 16,01; SD = 2,1) beantwortet. Darüber hinaus füllten 63 dieser Befragten sowohl den deutschen als auch den englischen TDEQ-5 aus, um die Qualität der Übersetzung zu überprüfen. Die konfirmatorische Faktorenanalyse ergab, dass die Fünf-Faktoren-Struktur gemäß dem Verhältnis von Chi-Quadrat zu Freiheitsgraden (1,9), dem mittleren root mean square error of approximation (RMSEA = .058), und dem standardisierten mittleren quadratischen Fehler (.061) akzeptabel war. Der vergleichende Anpassungsindex (CFI) von .88 lag leicht unter dem Grenzwert von .90. Die Reliabilität der TDEQ-5-Faktoren wurde als mäßig bis zufriedenstellend eingestuft (α = .62 bis .75). Aus den Ergebnissen lässt sich schließen, dass der deutsche TDEQ-5 ein geeignetes Instrument für den Einsatz in der Forschung und in der Praxis zu sein scheint, jedoch noch weiterer Analysen bedarf. Insbesondere sollte künftige Forschung die Konstruktvalidität und ökologische Validität des deutschen TDEQ-5 weiter testen und in der sportpsychologischen Praxis das Instrument nutzen, um angewandte Interventionen in Talententwicklungsumgebungen zu testen und voranzutreiben.

 

Der Einfluss des Talentumfelds auf die holistische Entwicklung von Athlet:innen: Eine Querschnittsstudie im deutschen Nachwuchsleistungssport

Svenja Wachsmuth, Luca-Lars Hauser, Oliver Höner
Universität Tübingen

Die erfolgreiche Entwicklung von Talenten im Sport hängt von einer Vielzahl an Faktoren ab, darunter dem Umfeld, in welchem junge Athlet:innen heranwachsen. Basierend auf den konzeptionellen Ansätzen der Forschungsgruppen um Henriksen et al. (2010) und Martindale et al. (2005) entwickelte sich eine breite Forschungslandschaft, in welcher Talentumfelder im Sport aus einer ganzheitlichen und integrativen Perspektive betrachtet werden. Aus den bis dato existierenden Studien lassen sich wichtige Erkenntnisse dahingehend ableiten, welche Faktoren des sportlichen und außersportlichen Umfelds eine erfolgreiche Entwicklung - im Sinne eines gelungenen Karriereübergangs - junger Athlet:innen fördern (z.B. langfristige Zielausrichtung, positive Beziehungen, psychologische Sicherheit; Hauser et al., 2022). Jedoch gilt es zu hinterfragen, inwieweit sportlicher Erfolg bzw. ein gemeisterter Übergang vom Junioren- in den Seniorenbereich hinreichende Kriterien für ein erfolgreiches Talentumfeld sein können, oder ob angesichts einer Reihe kritischer Berichte hinsichtlich der Entwicklungsbedingungen im Leistungssport (z.B. Grey-Thompsen, 2017; White Report, 2022) nicht auch die mentale Gesundheit und das Wohlbefinden sowie die persönliche Entwicklung heranwachsender Athlet:innen zentrale Anliegen der Talententwicklung sein sollten (i.S. holistischer Talententwicklung; z.B. Feddersen et al., 2021; Hauser et al., 2022). Anstatt einer rein sportlichen Betrachtung zielt die aktuelle Studie entsprechend darauf ab, (1) den Einfluss des Talentumfeldes auf die holistische Entwicklung deutscher Nachwuchsathlet:innen zu untersuchen. Zudem soll überprüft werden, (2) welche Mechanismen mögliche Effekte des Talentumfelds mediieren. Hierzu wurde eine Online-Umfrage im deutschen Nachwuchsleistungssport durchgeführt, die neben zentralen Faktoren des Talentumfeldes (TDEQ-5; Li et al., 2015; Alfermann et al., 2022) auch das motivationale Klima (EMDCQ-D; Ohlert, 2018), die psychologische Sicherheit (PS-C; Fischer & Hüttermann, 2020), das Wohlbefinden (WHO-5; Brähler et al., 2007), Lebenskompetenzen (LSSS; Cronin & Allen, 2017) sowie die persönliche Leistungszufriedenheit (ASQ; Harenberg et al., 2013) umfasste und an welcher insgesamt 345 Athlet:innen teilnahmen (Mage = 16.09; 180 weiblich, 165 männlich). Wie angenommen, ergab sich ein positiver Zusammenhang der Umfeldfaktoren, des bestärkenden motivationalen Klimas, der psychologischen Sicherheit sowie der Entwicklungsvariablen (r = .20 bis r = .64). Die berechneten Strukturgleichungsmodelle zeigten des Weiteren, dass insbesondere ein langfristiger Entwicklungsfokus, eine effektive Trainer:in-Athlet:in Kommunikation und ein kohärentes soziales Netzwerk die Leistungszufriedenheit, das Wohlbefinden und die Entwicklung von Lebenskompetenzen positiv vorhersagten (Ziel 1). Vermittelnde Effekte des motivationalen Klimas beziehungsweise der psychologischen Sicherheit konnten hingegen nicht belegt werden (Ziel 2). Auch wenn die zugrundliegenden Mechanismen weiter untersucht werden sollten, liefern die Ergebnisse der aktuellen Studie dennoch eine erste Indikation für die Bedeutung des Talentumfeldes für die holistische Entwicklung von Nachwuchsathlet:innen im deutschen Leistungssport.

 

Einflussfaktoren auf den Karriereübergang vom Jugend- in den Erwachsenenfußball aus Sicht deutscher Topspieler – Ergebnisse einer Interviewstudie

Niklas Wilk-Marten1, Florian Tüschen2, Marc Dieterich3, Babett Lobinger2
1Deutsche Fußball Liga, 2Deutsche Sporthochschule Köln, 3Deutscher Fußball-Bund

Nicht nur in England (Swainston, Wilson & Jones, 2021) auch im deutschen Profifußball wird die Forderung nach mehr „home-grown“ Spielern lauter. Besonders für die Nationalmannschaften und den DFB gilt es daher, förderliche und hinderliche Faktoren im Talentumfeld und Fördersystem zu identifizieren (Drew et al., 2019; Hauser et al, 2022), um die Talente bestmöglich unterstützen zu können. Der Übergang von der Jugend- in den Seniorenbereich gilt als schwierige Phase in der leistungssportlichen Karriere (Wyllemann & Rosier, 2016) dennoch lassen sich speziell für den deutschen Fußball bislang kaum Studien zum Übergangsbereich finden.

Im Rahmen eines vom DFB geförderten Forschungsprojektes wurden daher insgesamt 19 Interviews mit ehemaligen U-15 Nationalspielern der Jahrgänge 1996 und 1997 geführt, um vor allem die Perspektive der Spieler zum Thema zu erheben. Dabei wurden über den DFB Spieler aus drei Zielgruppen rekrutiert: Gruppe 1: 1.Liga (Bundesliga oder vergleichbares Leistungsniveau im Ausland), Gruppe 2: 2. und 3. Liga und Gruppe 3: maximal Amateurlevel. Der aktuelle Beitrag stellt die Ergebnisse der halbstandardisierten Interviews mit den sieben Spielern der Gruppe 1 dar, die den Übergang rückblickend erfolgreich bewältigt haben. Der Interviewleitfaden basiert auf den Ansätzen von Henriksen et al. (2010) und Larsen et al. (2013) und umfasst insgesamt fünf inhaltliche Bereiche: Vereinsstruktur; Vereins- und Verbandsmaßnahmen; wahrgenommene sportliche Unterstützung im Verein; soziale Unterstützung im Verein; soziales und privates Umfeld. Der Leitfaden wurde durch Experten diskursiv validiert (vgl. Wilk-Marten, 2022) und erprobt. Die Interviews wurden als Online-Interviews geführt, Probandenaufklärung und Einverständnis erfolgten als Online-Fragebogen zu Beginn des Interviews.

Die durchschnittliche Dauer der Interviews betrug 74 Minuten. Die Interviews wurden mit Hilfe eines Spracherkennungsprogramms vollständig transkribiert und gemäß der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2014) ausgewertet.

Als förderliche Faktoren im Übergangsbereich konnten beispielsweise vereinsinterne Ausbildungskonzepte zur Talentförderung sowie das Angebot einer U23 identifiziert werden. Klare Kommunikationswege und Ansprechpartner sowie individuelles Feedback wurden ebenfalls als hilfreich beschrieben. Als kritisch wurden dagegen der wahrgenommene Leistungsdruck und die Abhängigkeit von Entscheidungen des jeweiligen Cheftrainers der Profimannschaft gesehen. Ein zentrales Thema war zudem die Duale Karriere, d. h. die Vereinbarkeit von Profifußball und schulischer Ausbildung. Überwiegend zufrieden zeigten sich die Spieler mit der sozialen Unterstützung durch den Freundes- und Familienkreis.

Der Beitrag geht kritisch auf die Ergebnisse ein, ordnet sie in die bestehende Forschung ein und diskutiert vor allem praktische Implikationen von Seiten der Vereine und Verbände zur Unterstützung der Jugendspieler im Übergang.

 

You´ve got a friend in me (?): Soziale Unterstützung innerhalb der Leistungszentren des deutschen Fußballs

Fee Gierens1, Svenja Wachsmuth1, S.A. Wolf2, Marc Dieterich3, Hans Dieter Hermann4, Oliver Höner1
1Universität Tübingen, 2Florida State University, 3Deutscher Fußball-Bund, 4Coaching Competence Cooperation-Network

Leistungssport ist ein Bereich unserer Gesellschaft, in dem sich die Bereitstellung und Annahme von sozialer Unterstützung aufgrund vermehrter Anforderungen und Stressoren als zentral darstellt (Poucher et al., 2021). Insbesondere die Leistungszentren deutscher Fußballbundesliga-Vereine sind aufgrund ihrer Mitarbeitenden verschiedenster Professionen und des hohen Anspruchs an ein Ergebnis prädestiniert dafür, dass sich Menschen gegenseitig unterstützen können (Ford et al., 2020). Dies ist im speziellen unter einer systemischen Perspektive relevant, da die Gestaltung des Talententwicklungsumfeldes von Sportler:innen ihr Wohlbefinden sowie ihren persönlichen und sportlichen Werdegang beeinflussen (Hauser et al., 2022). Um dabei einen nachhaltigen Erfolg zu begünstigen, sollten gleichwohl Sportler:innen als auch Umfeld-gestaltende Stakeholder wie Leitungspersonen und Trainer:innen betrachtet werden (Mills et al., 2014). Hinsichtlich der theoretischen Fundierung erwies es sich lange als Herausforderung, eine einheitliche Konzeptualisierung und Definition von sozialer Unterstützung zu finden (Freeman et al., 2011; Kienle et al., 2006). Um einen Beitrag hierzu zu leisten, soll innerhalb dieser Studie die im Leistungssport zunehmend etablierte Konzeptualisierung von sozialer Unterstützung nach Rees und Hardy (2000) im Nachwuchsfußball überprüft und auf Umfeld-gestaltende Stakeholder erweitert werden. Demgemäß wird soziale Unterstützung als multidimensionales Konstrukt verstanden und nach ihren Unterformen (emotional, informationell, tatkräftig, selbstwertsteigernd) unterschieden. In Anbetracht des gegebenen Unterstützungspotentials wird darauf aufbauend exploriert, inwieweit jeweilige Unterstützungsformen wahrgenommen werden. Da eine förderliche Auswirkung der existierenden Unterstützung nicht selbstverständlich ist (Hartley et al., 2020), wird abschließend betrachtet, welche Handlungs- sowie Gestaltungsoptionen existieren, in Folge derer Unterstützung innerhalb von Leistungszentren floriert oder depriviert. Hierfür wurden semi-strukturierte Einzel-Interviews mit Leitungspersonen und Trainern sowie Fokus-Gruppen-Interviews mit Spielern aus acht deutschen Leistungszentren (n=49; Interviewlänge M = 91,73 Minuten) geführt. Die Daten unterliefen einer gerichteten Inhaltsanalyse (Hsieh & Shannon, 2005) auf Basis der Einteilung nach Rees und Hardy (2000). Ergebnisse liefern einen Einblick in die aktuelle Unterstützungskultur deutscher Fußball-Leistungszentren. Sowohl Spieler als auch Trainer und Leitungspersonen berichteten grundsätzlich davon, alle Unterstützungsformen wahrzunehmen. Die Ausprägung der Wahrnehmung gestaltete sich eher moderat und nahm mit Anstieg der Hierarchie-Ebenen ab. Zudem wurden verschiedene Unterstützungsformen unterschiedlich oft als hilfreich benannt. Schließlich zeigten sich erste Wege, um Unterstützung zu fördern. Stakeholder aller Ebenen über zu Verfügung stehende Möglichkeiten zu informieren und die Wahrnehmung von Unterstützung als höchste Gemeinschaftsleistung statt als Selbstverständlichkeit zu kommunizieren, wäre hierauf aufbauend ein zu verfolgender Ansatz (Hartley et al., 2020; Norris et al. 2022). Zudem verspräche es einen Mehrgewinn, den Zugang zu diesen Unterstützungsquellen zu stärken (Poucher et al., 2021).

 
15:15 - 16:45AK05: Aktuelle Debatten zur Wirksamkeit von Interventionen zu Leistung unter Stress
Chair der Sitzung: Laura Voigt, Deutsche Sporthochschule Köln
 

Sportpsychologische Transferforschung beim VfB Stuttgart: Ein Versuch von Forschung und Praxis, kognitiven Diagnostiken „auf den Grund zu gehen“

Chair(s): Oliver Höner (Universität Tübingen, Deutschland), Thomas Krücken (VfB Stuttgart AG)

Die Sportpsychologie hat im letzten Jahrzehnt in der Arbeit der Nachwuchsleistungszentren (LZ) in Deutschland enorm an Bedeutung gewonnen und ist zumindest formal über die Zertifizierung durch die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) fest verankert. Am LZ des VfB Stuttgart wird die Sportpsychologie bereits seit 2015 über eine Kooperation mit dem Lehrstuhl Sportpsychologie und Forschungsmethoden des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen realisiert. Im Rahmen dieser Kooperation wird die Betreuung aktuell über Sportpsycholog:innen vor Ort in Form diverser Maßnahmen in der Praxis umgesetzt, z. B. über sportpsychologische Workshops, Teambetreuungen, individuelle Betreuungen von Spielern oder auch die Bereitstellung eines Vermittlungskonzepts (potenziell) klinisch-relevanter Fälle.

Des Weiteren bietet die Kooperation Möglichkeiten, anwendungsorientierte Forschung im Feld des LZ zu initiieren. Die auf modernen Technologien aufbauende Diagnostik von im weiteren Sinne kognitiven Leistungsfaktoren (z. B. fußballspezifische Entscheidungs- und perzeptuell-kognitive Fähigkeiten, unspezifische Kognitionen wie exekutive Funktionen) stellen ein hochaktuelles Forschungsthema dar und werden auch aus Sicht der Praxis am LZ des VfB Stuttgart als verheißungsvoll angesehen. Kognitiven Faktoren wird ein enormes Entwicklungspotenzial zugeschrieben, zugleich versprechen neue Technologien in diesem Zusammenhang attraktive Diagnostiken und Trainingsmethoden. Andererseits ist die theoretische und v.a. empirische Fundierung noch unzureichend (z. B. Beavan et al., 2020; Kalén et al., 2021), zumal häufig das Tempo der Forschung mit dem Tempo technologischer Neuentwicklungen nicht mithalten kann.

In diesem Transfersymposium werden drei Projekte mit Bezug zu kognitiven Diagnostiken mittels neuer Technologien vorgestellt. Die drei Projekte adressieren unterschiedliche Fragen der aktuellen sportpsychologischen Diskussion (Entwicklung und Validierung, Vergleich verschiedener Diagnostiken, Herausforderungen in der Anwendbarkeit und Nutzen für die Praxis), Entwicklungsphasen (von Grundlagen- bis Profibereich) sowie Stellen des Transfers zwischen den Polen Wissenschaft und Praxis. Die Erkenntnisse und Potenziale dieser drei Beiträge sollen im Anschluss an die Einzelpräsentationen übergreifend hinsichtlich empirischer Erkenntnis sowie Fragen der Implementierung in ein LZ bzw. den Lizenzspielerbereich diskutiert werden.

 

Beiträge des Arbeitskreises

 

Fußballspezifischer Entscheidungstest mit 360°-Videos: Validierung einer kognitiven Diagnostik

Oliver Höner1, Damir Dugandzic2, Thomas Hauser2, Michael Stügelmaier3, Nico Willig3, Florian Schultz1
1Universität Tübingen, 2DFB-Akademie, 3VfB Stuttgart AG

Kognitive Skills wie die Entscheidungskompetenz gelten als wichtige Talentfaktoren im Fußball (Williams et al., 2020), zu deren Diagnostik bzw. Training hochwertige Technologien entwickelt worden sind. Die prognostische Validität kognitiver Diagnostiken (Kalén et al., 2021) oder das Transferpotenzial von Entscheidungstraining (Kittel et al., 2021; Zentgraf et al., 2017) sind allerdings nur unzureichend empirisch belegt. Ziel dieser im Auftrag der DFB-Akademie in Kooperation mit dem LZ des VfB Stuttgart durchgeführten Studie war die diagnostische und prognostische Validierung eines Entscheidungstests, in dem mithilfe eines Head-Mounted-Displays (HMD) fußballspezifische 360°-Videos aus der Perspektive eines zentralen Mittelfeldspielers präsentiert wurden. Der Validierung lagen die Annahmen zugrunde, dass Alter, Leistungsniveau sowie zukünftiger Erfolg jeweils positiv mit den Testleistungen assoziiert sind.

Studienteilnehmer waren N = 48 Nachwuchsspieler, die sich in einem balancierten 2x2 Design in der Saison 2018/2019 zwei Altersstufen (U19, U17) sowie Leistungsniveaus (Junioren-Bundesliga, Bezirksliga) zuordnen ließen. Ihnen wurden 54 Videos von wettkampfnahen 6 vs. 6 Spielszenen gezeigt, die nach Zuspiel zum zentralen Mittelfeldspieler abbrachen. Die Spieler wurden anschließend gefragt, wie sie den Angriff fortführen würden. Als abhängige Variable diente der Prozentsatz richtiger Entscheidungen über alle Spielszenen (Split-Half-Reliabilität r = .78). Zur Operationalisierung des Erfolgs im Erwachsenenalter wurde für die N = 24 Junioren-Bundesliga-Spieler die Ligazugehörigkeit ("Liga 1-4" vs. "Liga 5 oder niedriger") in der Saison 2021/2022 erhoben. Der Einfluss von Altersstufe und Leistungsniveau wurde aufgrund der gerichteten Hypothesen einseitig mittels ANOVA getestet, während die prognostische Validität wegen geringer Fallzahlen mittels U-Test untersucht wurde.

Die Nachwuchsspieler entschieden zu M = 63.93% ± 10,15% richtig, was für ein generelles Verständnis der Videos spricht. Hinsichtlich der diagnostischen Validität zeigten sich erwartungskonform zugunsten der leistungsstärkeren und älteren Spieler signifikante Haupteffekte für Leistungsniveau (F[1,44] = 18.07, p ˂ .001, Eta² = .29) und Altersgruppe (F[1,44] = 7.04, p ˂ .01, Eta² = .14). Der Interaktionsfaktor war nicht signifikant (F[1,44] = 0.12, p = .73). Bezüglich der prognostischen Validität erreichten zukünftig erfolgreichere Spieler bessere Entscheidungsleistungen (U = 42.00, Z = -1.72, p < .05, r = .35). Eine zur Analyse der Sensitivität und Spezifität erstellte ROC-Kurve sowie der zugehörige signifikante AUC (p < .05; LL CI (90 %) = .52) zeigten, dass die korrekte Zuordnung zu den Leistungsstufen der Erwachsenen mit einer Wahrscheinlichkeit von 71% möglich ist.

Die Studie bietet vielversprechende Befunde hinsichtlich Reliabilität, diagnostischer und prognostischer Validität. Die kleine Stichprobe ist einerseits eine Limitierung. Andererseits stellt sie für die prognosebezogene Fragestellung eine Stärke dar, da die Teilstichprobe der Junioren-Bundesligaspieler relativ homogen und leistungsstark ist und die Sensitivität der Diagnostik besonders gefordert wird. Studienbegleitend erfolgte eine Prozessevaluation über Spielerinterviews, die die Akzeptanz der Diagnostik unterstrich. Neben zahlreichen positiven Rückmeldungen benannten die Nachwuchsspieler auch Vorschläge zur Optimierung (bspw. Hinzufügen weiterer Spielszenen und auditiver Information).

 

Zusammenhang und Trennschärfe zwischen bereichsspezifischen und generischen kognitiven Diagnostiken im Nachwuchsfußball

Martin Leo Reinhard1, Daniel Teufel2, Victoria Vochatzer1, Daniel Brinkmann3, Oliver Höner1
1Universität Tübingen, 2VfB Stuttgart AG, 3DFB-Akademie

Aus sportpsychologischer Sicht werden kognitive Aspekte als potenzielle Prädiktoren für Talente im Fußball angesehen. Die Beziehung zwischen bereichsspezifischen und generischen kognitiven Tests und ihre Nützlichkeit für die Talentidentifikation sind umstritten (Kalén et al., 2021). Zeitgleich werden existierende Diagnostiken in der Praxis eingesetzt. Ziele dieser Studie sind 1.) den Zusammenhang zwischen drei in der Fußballpraxis verwendeten bereichsspezifischen bzw. generischen kognitiven Diagnostiken zu explorieren und 2.) das Ausmaß zu untersuchen, in dem diese Tests zwischen Altersgruppen und Leistungsniveaus differenzieren.

Nachwuchsfußballspieler (N = 110) aus dem Grundlagen- und Aufbaubereich (Altersgruppen U11 bis U15) aus dem LZ des VfB Stuttgart sowie der Nachwuchsabteilung eines Amateur-Partnervereins absolvierten drei Diagnostiken. Als generische kognitive Tests wurden der Determinationstest des Wiener Testsystems zur Messung der reaktiven Stresstoleranz (bspw. Beavan et al., 2020) und BrainsFirst (vier Tests zur Beurteilung des Arbeitsgedächtnisses, der Antizipation, der Kontrolle und der Aufmerksamkeit) verwendet. Zusätzlich wurde ein fußballspezifischer Entscheidungstest mit 360°-Videos durchgeführt (vgl. Beitrag 1 des Transfersymposiums). Die Gesamtergebnisse der einzelnen Tests wurden z-transformiert und ergaben sechs abhängige Maße (fünf für generische und eine für bereichspezifische Kognitionen). Es wurden partielle Korrelationen unter Berücksichtigung des Alters und eine zweifaktorielle multivariate Varianzanalyse (MANOVA) durchgeführt.

Die Korrelationen zwischen dem fußballspezifischen Entscheidungstest und den generischen kognitiven Maßen reichten von .12 ≤ r ≤ .47, innerhalb der generischen kognitiven Maße von .22 ≤ r ≤ .67. Die Ergebnisse der zweifaktoriellen MANOVA zeigen einen signifikanten Haupteffekt der Altersgruppe (p < .001, Eta² = .188) und des Leistungsniveau (p < .001, Eta² = .568) sowie eine signifikante Interaktion (p < .001, Eta² = .126). Es ergaben sich vier signifikante Haupteffekte des Alters auf die generischen kognitiven Testergebnisse (p < .05, .116 ≤ Eta² ≤ .362) und ein signifikanter Haupteffekt des Alters beim fußballspezifischen Entscheidungstest (p < .001, Etap² = .389). Hinsichtlich des Leistungsniveaus der Spieler wurden vier signifikante Haupteffekte auf generische kognitive Maße (p < .05, .042 ≤ Eta² ≤ .432) und ein signifikanter Haupteffekt für den fußballspezifischen Entscheidungstest (p < .001, Eta² = .258) festgestellt.

Die vorliegende Studie liefert weitere Befunde, die den Zusammenhang zwischen fußballspezifischer und generischer kognitiver Diagnostik zeigen und zusätzlich auf einen begrenzten Wert des Determinationstest für die Talentidentifikation hinweisen. Sowohl fußballspezifische Entscheidungstests mit 360°-Videos als auch BrainsFirst scheinen das Potenzial zu haben, zwischen den Leistungsniveaus und Altersgruppen zu differenzieren.

 

„Ist das Diagnostik oder kann das weg?“ – Chancen und Herausforderungen psychologischer Diagnostik im Profifußball

Dino Poimann, Martin Leo Reinhard
VfB Stuttgart AG

Durch das Voranschreiten der Forschungsergebnisse und damit einhergehenden Relevanz kognitiver Leistungsfaktoren (d.h. exekutive Funktionen, Entscheidungshandeln, Vororientierung) im Leistungssport allgemein und im Fußball im Speziellen (Kalén et al., 2021) treten auch immer mehr Anbieter auf den Markt (Harris et al., 2018), welche mit dem Siegel der „Wissenschaftlichkeit“ ihre Diagnostik-Tools anpreisen. Dabei scheinen die publizierten wissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Tempo der Entwicklung neuer Technologien nicht standhalten zu können. Entsprechend stellt die Auswahl geeigneter sportpsychologischer, und insbesondere kognitiver, Diagnostiken eine große Herausforderung für die praktisch arbeitenden Sportpsycholog:innen im Leistungssport, insbesondere auch im Profifußball dar.

Anhand der praktischen sportpsychologischen Arbeit im Lizenzspielerbereich des VfB Stuttgart stellt dieser Beitrag die Chancen und Herausforderungen in der Auswahl und Nutzung passender kognitiver Diagnostiken im Profibereich dar – diese werden dabei insbesondere in Bezug auf die in Beitrag 1 und 2 betrachteten Diagnostiken (Determinationstest, Brains First, Entscheidungstest mit 360° Videos) und der Nutzung innovativer Technologien thematisiert. Neben wissenschaftlichen Kriterien (bspw. Reliabilität, Validität) ist auch eine hohe Praktikabilität für das „Setting“ des Leistungssports und Akzeptanz bei Spieler:innen und Trainer:innen für eine gewinnbringende Anwendung notwendig (Beckmann & Kellmann, 2003). Entsprechend gilt es neben der Praktikabilität (z.B. zeitliche, finanzielle Kosten) und dem erwartbaren mittel- und langfristigen Erkenntnisgewinn auch die kurzfristige Nutzung der Ergebnisse für sportliche Weiterentwicklung der Spieler und direkte Leistungsverbesserung (Effektivität und Effizienz) zu berücksichtigen. Dies beinhaltet auch Überlegungen zur Anpassung von Diagnostiken im Sinne der Praktikabilitäts-Wissenschafts-Abwägung, befindet sich sportpsychologische Diagnostik doch stets in „Konkurrenz“ zu teils etablierteren Diagnostiken anderer Fachdisziplinen.

Vor diesem Hintergrund soll auf den Mehrwert interdisziplinärer Zusammenarbeit eingegangen werden und am Beispiel von ‚resilienter Kognition‘ (Keegan, 2017; Walton et al., 2018) sowie einem ‚Return-to-Play / Return-to-Perform‘-Protokolls dargestellt werden. Zuletzt werden ebenfalls Chancen (z. B. klarer Aufgabenbereich) und Herausforderungen (bspw. Reduzierung auf reinen Leistungsbeurteiler und -optimierer) diskutiert, die für Sportpsycholog:innen mit der Rolle als „Diagnostiker“ im Profifußball einhergehen.

 
15:15 - 16:45Produktpräsentation1 (30min)
15:15 - 16:45PW01: Schöner Scheitern – ein Praxisworkshop
Praxisworkshop Leitung: Christian Heiss, Performance Entwicklung
15:15 - 16:45PW02: Atemtechniken in der Anwendung des Leistungssports - Die Wim Hof Methode
Praxisworkshop Leitung: Nils Gatzmaga
15:15 - 16:45PW03: Wie Zusammenarbeit zwischen Eltern und Trainer:innen gelingen kann
Praxisworkshop Leitung: Valeria Eckardt, Deutsche Sporthochschule Köln
15:15 - 16:45PW04: Interdisziplinäres Zusammenspiel zwischen Cheftrainer, Trainerstab und Teampsychologe in der Vorbereitung und Begleitung eines Bundesligaspiels
17:00 - 19:00Postersession: Get-Together
18:00 - 20:00asp Mitgliederversammlung
19:00 - 21:00Campus Beach